Wine Style – Using Your Senses to Explore and Enjoy Wine – Buchbesprechung
Die Autoren sind honorige Experten, die mit dem Wein-Einsteigerbuch Wein für Dummies, einen internationalen Bestseller verfasst haben. Mary Ewing-Mulligan ist Master of Wine und leitet das US Programm des Wine & Spirits Education Trust, Ed McCarthy gilt als der profilierteste Champagner Experte der USA.
“Weinstil = Aroma + Struktur”
In Wein für Dummies werden Weine nach Regionen portraitiert, in Wine Styles werden Weine in geschmackliche Kategorien eingeordnet und eine geistige Karte der Weinlandschaft entwickelt. Bei diesem Konzept braucht man sich keine französischen Ortsnamen oder autochthone portugiesischen Rebsorten zu merken. Wenn man den Stil beschreiben kann und weiß wozu er passt, wird man in jedem Restaurant und Weinladen etwas Passendes finden.
Ein Weinstil ist definiert durch das Volumen (schwer oder leicht), die Textur (weich oder hart) und die Intensität der Aromen.
Weinstile
( Darstellung nach http://www.winestylebook.com/ )
Frische Weißweine ohne Holzeinfluss
leicht im Körper, frisches Mundgefühl, nicht zu kräftig im Aroma. Zum Beispiel Muscadet, Pinot Grigio, Silvaner usw.
Erdige Weißweine
mittlerer bis voller Körper, erdig mineralisch im Aroma, kernige Textur: Chenin Blancs aus Südafrika oder von der Loire, Rhône-Weißweine, viele Chardonnays
Aromatische Weißweine
leichte bis mittelgewichtige Weine aus aromatischen Rebsorten: Riesling, Muskat, Traminer, Veltliner, Viognier oder Sauvignon Blancs
Reichhaltige, im Barrique ausgebaute Weißweine
Körperreiche, Weine mit würzigem Eichenduft wie australischer Chardonnay, oder die Elite des weißen Bordeaux, weißen Châteauneuf-du-Pape usf.
neutrale Rotweine
leichte, milde und wenig intensiv schmeckende Rotweine: “easy drinking” wie Dornfelder, norditalienische Merlots oder viele Vins de Pays d’Oc
weiche, fruchtige Rotweine
entsprechen in Textur und Gewicht den neutralen Roten, nur schmecken sie intensiver: Beaujolais, günstige kalifornische Rote, manche Spätburgunder
frische, würzige Rotweine
Würzige, kernige Rote mit Charakter und wenig oder keinem Holzeinfluss und oft kräftiger Säure. Mittlerer Körper und mittlere Tannine. Barbera, Dolcetto, Beaujolais Crus, Malbec aus Argentinien Carmenère aus Chile
kräftige Rotweine
Körperreiche, schwere, intensive Rote mit viel Tannin: Bordeaux, Brunello, Hermitage, Barolo usf.
Zwei Rosé-Stile
Milder, fruchtbetonter Stil (z.B. Blush, Weißherbst) vs. frischer, mineralischen Stil (z.B. Provençe, Tavel)
Zwei Schaumweinstile
fruchtig leichter Perlwein wie Prosecco vs. komplexen Schaumwein wie Champagner, Franciacorta, Crémant
Resümee und Kritik
Die Weinstile sind prägnant beschrieben und plausibel, das Konzept hat allerdings eine Lücke und eine Schwäche:
1. Der Zuckergehalt spielt bei der Stilfindung keine Rolle. Man könnte zusätzlich Süßweinstile definieren, zum Beispiel: Spätlese/Kabinett (Mosel, Rheingau), Botrytis (Sauternes, Neusiedlersee) und aufgespritete Weine (Vin doux naturel, Madeira, Port).
2. Die Weißweine-Stile sind klar definiert, bei den Rotweinstilen finde ich die Unterscheidung zwischen den “neutralen” und den “weichen fruchtigen Weinen” nicht plausibel. Ich glaube, dass die neutralen Weine mittlerweile vom Markt verschwunden sind und leichte Rotweine meistens fruchtbetont ausgebaut werden. Die tanninreichen, kräftigen Weine zusätzlich noch nach Volumen zu unterscheiden schiene mir den deutschen Marktgegebenheiten besser zu entsprechen: da wären die mittelgewichtigen Weine aus moderatem Klima (Barolo, Bordeaux) von denen voluminösen aus warmen Klima unterschieden (Barossa Shiraz, Châteauneuf, Napa). Durch den Klimawandel werden natürlich auch diese Unterschiede immer geringer.
Ich denke, die “amerikanische” Perspektive der Unterscheidung nach Weinstil gegenüber der europäischen Terroir-Philosophie (Weintyp wie Chianti oder Bordeaux) ist eine gelungene Ergänzung. Mit diesem Buch versteht man viele Weine besser und hat einen solide Orientierung in der komplexen Weinwelt.
Das Buch:
Mary Ewing-Mulligan & Ed McCarthy: Wine Style (Amazon). Wiley & Sons, New Jersey 2005





Ich lebe zur Zeit in den USA und kann nur bestätigen, dass in Restaurants die Sommeliers oft nach dieser Methode vorgehen. Ist aber auch verständlich, weil beispielsweise in Kalifornien überhaupt kein einheitlicher Stil herrscht. Wenn man einen Brunello bestellt, kann man ziemlich gut einschätzen, was man bekommt. Doch wenn man einen kalifornischen Cabernet Sauvignon ordert, kann das von “superreifer Marmelade” bis “eleganter Bordeaux-Stil” alles abdecken.
Danke für die ausführliche Rezension. Kann ich mir für Einsteiger gut vorstellen, die überfordert sind von all den Fachausdrücken, Terroirs usw. Aber für einen etwas fortgeschrittenen Weinliebhaber doch recht lückenhaft. Und – da stimme ich voll und ganz zu – sehr amerikanisch ;-)