DAS DEMOKRATISCHE WEINBUCH – Buchbesprechung

DAS DEMOKRATISCHE WEINBUCH  von Rainer Balcerowiak. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ so beginnt die 1834 verfasste Flugschrift „Der Hessische Landbote“ des berühmten und leider viel zu früh verstorbenen Dichters Georg Büchners, Verfasser von Bühnenklassikern wie „Leonce und Lena, Dantons Tod“ oder „Woyzeck“. Es waren unruhige Zeiten – damals.

Heute, in –dem Himmel sei Dank- weitaus friedfertigeren Zeiten, gibt es andere Schauplätze der Auseinandersetzung, auf denen zwischen „denen da oben, und denen da unten“ gefochten wird, natürlich nur im übertragenen Sinn. In der Welt des Genusses zum Beispiel, oder hier speziell in der Welt des Weines. Der Ex-Musiker und heutige Politredakteur Rainer Balcerowiak zieht in seinem kleinen und lesenswerten Bändchen „Das demokratische Weinbuch“ gegen hoch gehypte Weine und den als elitär empfundenen Snobismus hoher Bewertungen und Punktzahlen, woher diese auch immer gekommen sein mögen, zu Felde, und schrieb ein Plädoyer für die guten, vielleicht sogar manchmal schlichten, aber sauber und geradlinig produzierten Weine. Die „Hütten“ sozusagen, die vom Weinsnobismus gerne links liegen gelassen oder bestenfalls geringschätzig beäugt werden. Wein ist zum Trinken da, Wein ist Genuss, so lautet die Botschaft, und diese muss wieder mitten in der Gesellschaft ankommen und den abgehobenen Zirkeln selbst ernannter Weinkennern entrissen werden. Wein muss wieder demokratisch werden, und das dokumentiert bereits der Buchrücken, auf dem sich die typische, geballte Sozialistenfaust mit einer Weinflasche gen Himmel reckt.

 

Wenn sich Balcerowiak mit den vielen unsäglichen Weinfesten zwischen Flensburg und Garmisch auseinandersetzt, auf denen zumeist die Winzer ihre abgestandenen Kellerleichen mit dubiosen Praktiken zu verkaufen versuchen, wenn er sich mit Parker-Punkten und Weinjournalisten auseinandersetzt, aber auch wenn er sich mit den Trinkgewohnheiten und ihrer damit einhergehenden „Geiz ist geil“ Mentalität auseinandersetzt, so schreibt er teils ironisch, teils satirisch, darüber hinaus sehr lebendig und anschaulich, und somit einfach auch bedenkenswert. Sicher, man muss nicht in jedem Punkt seiner Meinung sein, aber Balcerowiaks Zeilen laden ein zum Nachdenken, und zur Diskussion.

Er plädiert für einen sinnlichen, und vor allen Dingen geerdeten Weingenuss, da darf es schon einmal der gut gemachte Rosé auf der Terrasse sein oder ein rassiger Elbling zum Fisch, eine Sorte also, die unter Kritikern und Journalisten nicht gerade höchstes Ansehen genießt. Aber was soll´s, wenn es schmeckt. Die Botschaft ist einfach und schlicht, und somit natürlich für zumindest einen Teil der Weinfreunde ebenfalls strittig: Wein schmeckt auch, wenn man auf dem Teppich bleibt!

Natürlich wird es große Weine weiter geben, muss es geben, insofern sind die Zeilen auch nicht frei von Polemik, aber diese regen dafür zum Nachdenken an, wie wir als Weingenießer, oder wenigstens  gewisse Kreis, mit dem kostbaren Kulturgut eigentlich umgehen.

Balcerowiaks Buch liest sich leicht und flott, regt an. Und in einer Zeit, in denen der ehrliche Wein weniger gilt, der 100-Punkte Wein aber unbezahlbar und somit nur wenigen vorbehalten bleibt, dafür aber allerhöchste Aufmerksamkeit genießt, führt er vielleicht keinen Krieg gegen die „Paläste“ der Kultweine, der Blockbuster und Co., schenkt aber jenen „Hütten“ der ehrlichen und authentischen Winzer wieder ein bisschen Aufmerksamkeit, und somit auch ein bisschen Frieden.

Rainer Balcerowiak, Das demokratische Weinbuch, erschienen im Verlag Mondo Heidelberg, gebundene Ausgabe, € 14,95 (Amazon.de)